Septemberjagd auf Rehkitze

6. Sep. 2023

In zahlreichen Bundesländern beginnt ab dem 1. September die Jagdzeit auf Ricken und Kitze. Doch es gibt nicht wenige Jäger, die einen Kitzabschuss im September ablehnen. Warum das so ist und welche Gründe für einen frühzeitigen Eingriff in die Jugendklasse beim Rehwild sprechen, erläutere ich in diesem Beitrag. 

Eine Ricke steht mit zwei Rehkitzen auf einem Grasstreifen
Foto: Markus Lück

Ruhe nach Blattzeit bis Anfang September

Nach der Blattzeit Ende Juli / Anfang August kehrt bei der Jagd auf Rehwild rund zwei bis drei Wochen Ruhe ein. Die Böcke, die sich in den zurückliegenden Wochen bei der Brautschau verausgabt haben, werden deutlich heimlicher und damit weniger sichtbar für uns Jäger. In einigen Revieren ist mit Ende der Blattzeit auch die Jagd auf Rehböcke gänzlich abgeschlossen, denn einige Jäger versuchen, den Abschussplan bei Böcken mit dem Ende der Blattzeit erfüllt zu haben.

Startschuss im September

Doch spätestens ab Anfang September kommt wieder Bewegung ins Rehwildrevier. Denn Ricken und Kitze dürfen in den meisten Bundesländern ab diesem Zeitpunkt bejagt werden. Und diese Chance sollten wir Jäger aus meiner Sicht in den meisten Revieren auch nutzen. In welchem Ausmaß Kitze bereits im September bejagt werden sollten, hängt nach meiner Meinung sehr von den individuellen Verhältnissen im Revier ab. Beispielsweise der Abschussplan selbst hat erheblichen Einfluss darauf, wie der September jagdlich genutzt wird. Denn stehen beispielsweise 50 Stück Rehwild und mehr auf dem Abschussplan ist das eine ganz andere Ausgangssituation als in einem Revier, in dem lediglich 15 Stücke Rehwild erlegt werden „müssen“. An dieser Stelle will ich ausdrücklich unterstreichen, dass hiermit keinesfalls das Motto „Zahl vor Wahl“ propagiert werden soll. Auch bei hohen Abschussplänen muss natürlich stets korrekt angesprochen werden. Weiterhin sollte aus meiner Sicht auch eine gewisse Selektion bei der Jagd praktiziert werden. Dennoch sollte man sich nichts vormachen. Der Abschuss von 50 Stücken und mehr bedeutet (je nach Anzahl der beteiligten Jäger) viel Aufwand. Und deshalb ist der Faktor Zeit keinesfalls zu unterschätzen!

Auch das Vorkommen weiterer Schalenwildarten im Revier hat einen Einfluss auf die jagdliche Nutzung des Septembers. Kommt beispielsweise Rotwild im Revier vor, steht im September vermutlich die Brunft im Fokus des Jägers. Die Rehkitzbejagung in dieser Zeit ist dann eher nachrangig. In Revieren mit großen Maisschlägen und einer hohen Schwarzwilddichte rückt hingegen oft zwangsweise die Wildschadensverhütung in den Fokus des Jägers. Am Abend vor oder am Morgen nach einer Nachtwache am Mais haben viele Jäger einfach keine Lust oder Zeit mehr, sich um den Abschuss von Rehwild zu kümmern.

Kommen wir aber nun mal zu den aus meiner Sicht in vielen Fällen überwiegenden Argumenten für eine frühzeitige Bejagung von Kitzen und damit Ricken ab Anfang September. Richtig gelesen: Kitzen UND Ricken. Denn ich verbinde mit der Bejagung von Kitzen häufig auch den Abschuss von Ricken. In Situationen, in denen man zuvor das oder die Kitze einer Ricke erlegt hat, kann man sich als Jäger absolut sicher sein, ein dann nicht mehr führendes Stück vor sich zu haben. Ansonsten ist das Ansprechen von Ricken gar nicht so leicht. In vielen Fällen treten Ricke und Kitz(e) gemeinsam aus. Doch mit zunehmendem Alter der Kitze werden diese selbstständiger und entfernen sich von der Ricke. So kommt es im Herbst und Winter nicht selten vor, dass Kitze oder Ricken allein austreten und lange Zeit auch allein bleiben. Ob der Jäger eine schwache Ricke oder ein starkes Schmalreh vor sich hat, ist dann schwierig zu erkennen. Die dichte Winterdecke sorgt dabei für zusätzliche Schwierigkeiten. Denn dadurch werden die Körperkonturen der Stücke deutlich schwieriger erkennbar. Häufig wird die Stärke der Stücke dann überschätzt. Ein vermeintlicher Unterschied zwischen Ricken und Schmalrehen wird dadurch nochmals undeutlicher.

Bei Ricken, die lediglich ein Kitz führen, versuche ich in den meisten Fällen, auch die Ricke zu entnehmen. Denn das Erlegen der beiden Stücke ist in der Regel deutlich leichter, als der Abschuss von Zwillingskitzen mitsamt der zugehörigen Ricke. Weiterhin führen nach meiner Erfahrung die meisten Ricken bei angepasster Wilddichte zwei Kitze. Es bleiben demnach in jedem Fall ausreichend Zuwachsträger im Rehwildbestand erhalten. Der Abschuss von Ricken wird in vielen Revieren häufig nur sehr zögerlich gehandhabt. So kommt es immer wieder vor, dass wahre „Reh-Omas“ im Revier unterwegs sind. Einzelne greise Stücke sind auch keinesfalls ein Problem. Dennoch sollten wir Jäger aus meiner Sicht versuchen, auf eine gewisse Verjüngung bei den Ricken zu achten. Denn junge und vitale Ricken führen in der Regel gesunde und starke Kitze. Damit kommen wir Jäger unserer Verpflichtung zur Erhaltung eines gesunden Wildbestands nach. Trophäenjäger tun sich mit diesem Vorgehen ebenfalls einen Gefallen. Denn junge und vitale Ricken bringen auch starke Bockkitze zur Welt, die den Grundstein für starke Trophäenträger im Revier legen.

Eine Selektion anhand des Geschlechts sollte beim Kitzabschuss aus meiner Sicht keine Rolle spielen. Ich selektiere ausschließlich anhand der Stärke des Wildkörpers der Kitze. Bei Zwillings- oder gar Drillingskitzen sollte deshalb bei den Kitzen von „schwach“ in Richtung „stark“ entnommen werden. Wie bei Ricken und Schmalrehen ist der Unterschied zwischen starken und schwachen Kitzen im September in den meisten Fällen noch eindeutig. Sobald die Kitze ihre erste Winterdecke bekommen, verschluckt diese ebenfalls die Körperkonturen der Stücke und das Einschätzen der Stärke der Stücke wird deutlich erschwert.

Ob bei Zwillings- oder Drillingskitzen alle beziehungsweise mehrere Kitze und schlussendlich auch die zugehörige entnommen wird, hängt bei mir vom Erfüllungsgrad des Abschussplans, der Stärke der Stücke und der Örtlichkeit im Revier ab. Ist es beispielsweise bereits Mitte November und der Abschussplan ist bei Weitem noch nicht erfüllt, ist dies ein Argument für die Entnahme von mehreren Stücken aus einem Familienverband. Sehr schwache Kitze, die in Begleitung einer ebenfalls schwachen Ricke vorkommen, sollten aus meiner Sicht nach Möglichkeit in jedem Fall erlegt werden. Auch der Ort im Revier, wo die Stücke vorkommen, spielt aus meiner Sicht bei dieser Entscheidung mit rein. Denn nahe vielbefahrener Straßen, auf denen es häufig zu Wildunfällen kommt, spricht vieles für einen starken Eingriff in den Wildbestand, um Unfälle zu vermeiden.

 Vorteile für Geschwister

Wird aus einem Familienverband, bestehend aus einer Ricke und zwei oder gar drei Kitzen lediglich ein Kitz beziehungsweise zwei Kitze erlegt, profitiert das verbliebene Kitz hinsichtlich der Versorgung durch die Ricke. Dieser Effekt ist natürlich umso größer, je früher der Abschuss aus dem Familienverband erfolgt. Denn mit zunehmendem Alter der Kitze wird die Versorgung durch die Ricke immer unwichtiger. Dies spricht ebenfalls für einen frühzeitigen Eingriff bei den Kitzen. Sehr schwache Kitze leiden zudem häufig unter hohem Parasitenbefall. Weiterhin haben es die geringen Stücke deutlich schwieriger in harten Wintern. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass schwache Stücke in den äsungsarmen Zeiten im Winter auf natürlichem Wege verenden. Dieser natürlichen Mortalität können wir durch einen frühzeitigen Abschuss der schwachen Kitze entgegenwirken beziehungsweise können wir diese dadurch vorwegnehmen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts untersuchte der Wildbiologe Dr. Miroslav Vodnansky den Parasitenbefall bei Kitzen und setzte diesen in Zusammenhang zu dem Gewicht der Stücke. Dabei ergab sich ein klarer Zusammenhang zwischen dem Gewicht der erlegten Kitze und der Stärke des Parasitenbefalls. Dazu heißt es in einem Artikel von Dr. Vodnansky in der die Zeitschrift „Pirsch“: So war zum Beispiel in der Forstverwaltung Meran in Stainz (Steiermark) bei Kitzen, deren Körpergewichte unter dem Durchschnitt lagen, der Befall mit dem für das Rehwild besonders schädlichen Großen Lungenwurm (Dictyocaulus spp.) in beiden Untersuchungsjahren etwa dreifach höher als bei den überdurchschnittlich starken Kitzen.“

Alle profitieren

Und nicht nur etwaige Geschwister profitieren beim frühzeitigen Abschuss von Kitzen in einem Rehwildbestand. Auch alle anderen im Bestand verbleibenden Rehe profitieren davon. Denn insbesondere in der äsungsarmen Zeit im Winter kommt es im Revier zu innerartlichen Konkurrenzsituationen in Bezug auf die immer karger werdende Äsung. Weniger Stücke im Bestand sorgen deshalb für eine bessere Äsungssituation für den Gesamtbestand. In dieser äsungsarmen Zeit im Winter sollte das Wild möglichst nicht beunruhigt werden. Deshalb sollte spätestens ab Mitte beziehungsweise Ende Dezember Jagdruhe auf Rehwild im Revier herrschen. Um dies so zu handhaben, muss der Abschussplan zu diesem Zeitpunkt jedoch erfüllt sein. Dies spricht ebenfalls für einen frühen Beginn der Jagd auf Kitze und Ricken.

Hauptargument: Gewichtszunahme

Kommen wir zum Schluss zu dem Hauptargument von Gegnern der frühen Jagd auf Rehkitze im September: das „geringe“ Gewicht der Stücke. Viele Jäger erlegen ein Rehkitz nach eigener Aussage im Oktober, November, Dezember beziehungsweise Januar lieber, da das Wildbretgewicht der Stücke dann „deutlich“ höher ausfällt. Den Januar müssen wir an dieser Stelle aus meiner Sicht aus zwei Gründen aus dieser Aussage streichen. Denn im Optimalfall ruht die Jagd im Januar, um in der äsungsarmen Zeit das Wild nicht zusätzlich in Stress zu versetzen. Zum anderen nimmt das Gewicht vieler Rehkitze ab November tendenziell wieder leicht ab bis zum folgenden Frühjahr, wie Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel in einem Artikel in der „Pirsch“ erläutert. Kommen wir aber nun zum Punkt der Gewichtszunahme in der Zeit ab September. Dazu zitiere ich ebenfalls aus einem Artikel aus der Zeitschrift „Pirsch“. Die Wissenschaftlerin und Rehwildkennerin Gundula Thor schreibt darin: „Zieht man die Gewichte (aufgebrochen mit Haupt) von über 650 erlegten Kitzen aus drei verschiedenen, weit auseinanderliegenden Untersuchungsgebieten heran, stellt sich folgendes heraus: Der Unterschied zwischen September und November beträgt nur rund 1,5 bis knapp zwei Kilogramm! (Bei kleinen Abschusszahlen einzelner Reviere kann der Wert natürlich in manchen Jahren darüber oder darunter liegen; bei einer ausreichend großen Datenmenge mitteln sich die Abweichungen in der Regel jedoch heraus.) Sind diese anderthalb bis zwei Kilogramm ein stichhaltiges Argument, um mit dem Abschuss zu warten? Nein. Denn in der Zeit von September bis November wächst zum einen das Skelett der Kitze; das bedeutet einen Zuwachs an relativ schwerem Knochenmaterial, vor allem bei der Wirbelsäule und den Läufen. Und zum anderen macht auch der Wechsel von der Sommer- zur Winterdecke mit dichterem und längerem Haar nochmals etwa ein Pfund Unterschied aus. Was also ein Rehkitz im November tatsächlich mehr an Wildbret auf die Waage bringt, ist minimal und fällt nicht ins Gewicht – im wahrsten Sinne des Wortes! Bei genauerer Betrachtung spricht also nichts dagegen, sofort zum Aufgang der Jagdzeit mit dem Kitzabschuss zu beginnen.“

 

Gründe, die für einen frühen Start der Jagd auf Rehkitze sprechen:

  • Wildbretgewichte nehmen im Verlauf der Jagdzeit nur noch wenig zu
  • Innerartliche Konkurrenz wird frühzeitig abgesenkt
  • Es werden Vorteile für verbleibende Geschwisterkitze geschaffen
  • Abschussplan kann frühzeitig erfüllt werden, was zu frühzeitiger Jagdruhe führt
  • Ausbreitung von Parasiten im Rehwildbestand wird vorgebeugt
  • Natürliche Mortalität wird vorweggenommen

 

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